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Geopolitische Spannungen und der Stellenmarkt

So wirkt sich die aktuelle Situation aus

So beeinflussen geopolitische Spannungen den Stellenmarkt in Deutschland: früher und heute

Zuerst Covid, nun die steigende Inflation, ausgelöst durch den Ukraine-Krieg und die Energiekrise: Seit über zwei Jahren stellt die geopolitische Situation Unternehmen vor große Herausforderungen. Gestörte Lieferketten, aber auch Engpässe bei Rohstoffen und Personal machen sich zunehmend bemerkbar.

Der bereits viel zitierte Fachkräftemangel wird dabei zum Personalmangel, welcher aktuell einen neuen Höchststand erreicht. Besonders betroffen: Dienstleister, Hersteller von Nahrungsmitteln, Datenverarbeitungsgeräten und Metallerzeugnissen. (Tagesschau, 02.08.2022)

Ist all das neu für den Arbeitsmarkt in Deutschland?

In der Geschichte sehen wir: Krisen gab es schon immer, doch seit Ende des Zweiten Weltkrieges blieben wir Deutschen – zumindest im internationalen Vergleich – zumeist eher verschont. Kaum einer erinnert sich heute noch an die Ölpreiskrisen in den 70er Jahren, wo ein Sonntags-Fahrverbot eingeführt wurde und sowohl die Inflation als auch die Arbeitslosenquote in die Höhe schossen. (Hans-Böckler-Stiftung, n.D.)

Auch die Dotcom Blase Anfang 2000 traf nicht nur Finanzinvestoren und unzählige Kleinanleger. Auch der deutsche Arbeitsmarkt war damals unmittelbar betroffen. Galten IT-Fachkräfte Ende 1999 noch als Engpasszielgruppe, suchten viele Softwareentwickler Anfang 2000 vergeblich nach einer neuen Beschäftigung. (Zöttl, 2021)

2010 überrollte dann die Wirtschafts- und Finanzkrise die gesamte EU. Doch anders als in früheren Krisen hielt der deutsche Arbeitsmarkt dieses Mal stand: die Arbeitslosenquote stieg nicht an. (Bundeszentrale für politische Bildung, 2020)

10 Jahre später, Anfang 2020 legte die Corona-Pandemie weite Teile des privaten und wirtschaftlichen Lebens still. Zeigte sich der Arbeitsmarkt im Jahr 2010 unbeeindruckt, wirkten die verhängten Lockdowns sich nun wieder auf den Arbeitsmarkt aus, wenngleich deutlich weniger stark, als allgemein befürchtet. Ja, es kam zu massiven Verunsicherungen sowohl bei Arbeitnehmern als auch Arbeitgebern, und die Anzahl an geschalteten Stellenanzeigen sank im Vergleich zum Januar 2019 um über 20%. Zudem meldeten 318.735 Unternehmen Kurzarbeit an. (Statista, 2022) Doch schon im Mai 2021 erreichte der Stellenmarkt wieder sein Vorkrisen-Niveau, um bereits fünf Monate später einen Zuwachs von 40% gegenüber Vorkrisen-Niveau zu verzeichnen. (Hering, A., 30.08.2022)

2022: Aufschwung oder Herausforderung für den deutschen Arbeitsmarkt?

Die Corona-Lage besserte sich und deutsche Unternehmen erlebten einen deutlichen Aufschwung, für den sie mehr Fachkräfte brauchten als je zuvor. Und gerade, als jeder sich mit dem Gedanken anfreundete, nun gehe es wieder bergauf, trifft uns zusätzlich – zu einem weiteren nicht zu unterschätzenden Corona-Winter – die nächste Krise: ein Krieg mitten in Europa, Gasengpässe, steigende Energiepreise, erneute Störungen in den Lieferketten und hieraus resultierend Inflation.

Die Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt?

Ob und wie die aktuellen Ereignisse weltweit den Arbeitsmarkt beeinflussen, untersucht Dr. Annika Hering im Indeed-Hiring Lab. Sie schaut sich als Economist an, wie sich dieser seit Beginn der Pandemieunter Berücksichtigung der aktuellen Ereignisse entwickelt. In einem Interview mit dem Online Blog Saatkorn.com erklärt sie, dass wir in Deutschland seit Beginn des Jahres einen regelrechten „Job-Boom“ erlebten, der sich auf dem Jobportal Indeed in einem 50%igen Anstieg an Stellenausschreibungen widerspiegelt. Ihre erhobenen Daten zeigen zudem, dass nicht mehr nur vom Fachkräftemangel, sondern auch vom Personalmangel gesprochen werden muss. (Saatkorn.com, 2022)

Denn: Die Berufsgruppen, in denen dringend Personal benötigt wird, erweitert sich stetig – und dies trotz der aktuellen Ereignisse.

Obwohl die geopolitische Situation sowohl private Haushalte als auch die Wirtschaft vor massive Herausforderungen stellt, bleibt der Arbeitsmarkt laut Dr. Hering bisher stabil. Anhand der Erhebungen des Hiring-Labs ist zu erkennen, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften noch immer sehr hoch ist, das Wachstum an veröffentlichten Stellen sich jedoch verlangsamt hat. (Hering, A., 07 2022)

Was Dr. Hering im Juli 2022 berichtete, änderte sich auch im September nicht: Exemplarisch lässt sich dies bei den drei sehr gefragten Berufsgruppen Softwareentwicklung, Medizintechnik und Bauingenieurwesen erkennen.(Siehe Abbildung 1) Was das Hiring-Lab an Erkenntnissen gewinnt, erleben wir als Headhunter in unserem Daily-Business. Unternehmen zögern das Schalten neuer Stellenanzeigen zunehmend hinaus oder planen, derzeit offene Stellen zu einem späteren Zeitpunkt zu besetzen.

Stellenanzeigen nach Berufsgruppen auf Indeed Deutschland: Softwareentwicklung, Medizintechnik, Bauingenieurwesen. Quelle: Hering, A. (30.08.2022)

Dennoch: Headhunter gefragter als nie

Auch wenn die Anzahl an neu geschalteten Stellenanzeigen gerade ein wenig stagniert, sind Personalexperten weiterhin händeringendgesucht (Siehe Abbildung 2). Zwar werden auch die für diese Berufsgruppe relevanten Stellenanzeigen etwas weniger geschaltet, doch die allgemeine Nachfrage nach gutqualifizierten Fachkräften ist weiterhin hoch bzw. bewegt sich weiterhin über Vor-Krisen-Niveau.

Stellenazeigen auf Indeed Deutschland, Berufsgruppe Personalwesen, Quelle: Hering, A. (30.08.2022)

Unsere Prognose

Die aktuelle geopolitische Lage mag sich kurzfristig auf den deutschen Arbeitsmarktauswirken. An der langfristigen Entwicklung wird sich jedoch nichts ändern.

Bedingt durch den demografischen Wandel werden ab den kommenden Jahren zahlreiche gutausgebildete Fach- und Führungskräfte der sogenannten Baby-Boomer Generation in die Rente gehen und erstmals nicht mehr durch eine ausreichende Anzahl an nachkommenden Auszubildenden oder Absolventen gedeckt. Die Lücke an Fachkräften wird sich damit jedes Jahr vergrößern.

Unternehmen haben damit noch stärker mit massiven Engpässen auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen. Besonders im Bereich IT, der medizinischen Pflege und Betreuung wird sich die Situation massiv verschärfen.

Quellen:

Bundeszentrale für politische Bildung. (28. 11 2020). https://www.bpb.de. Von https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61685/erwerbstaetigkeit/ abgerufen

Hans-Böckler-Stiftung. (n.D.). https://www.gewerkschaftsgeschichte.de. Abgerufen am 14. 09 2022 von https://www.gewerkschaftsgeschichte.de: https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/stagflation-der-1970er-jahre.html

Hering, A. (30.08.2022). https://www.hiringlab.org. Von https://www.hiringlab.org/de/blog/2022/06/08/indeed-job-index/?isid=mwm_wordpress&ikw=mwm_wordpress_de%2Fblog%2F2022%2F07%2F28%2Farbeitsmarkt-juli-2022%2F_textlink_https%3A%2F%2Fwww.hiringlab.org%2Fde%2Findeed-job-index%2F abgerufen

Hering, A. (07 2022). https://www.hiringlab.org. Von https://www.hiringlab.org/de/blog/2022/07/28/arbeitsmarkt-juli-2022/ abgerufen

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. (11 2009). https://doku.iab.de/kurzber/2009/kb1109.pdf. Von https://doku.iab.de/kurzber/2009/kb1109.pdf abgerufen

Saatkorn.com. (2022). https://www.saatkorn.com. Von https://www.saatkorn.com/welche-auswirkungen-hat-der-ukraine-krieg-auf-den-arbeitsmarkt/ abgerufen

Zöttl, I. (06. 09 2021). https://www.capital.de. Von https://www.capital.de/wirtschaft-politik/wie-die-dotcom-blase-im-jahr-2000-platzte-und-die-new-economy-mit-sich-riss abgerufen